Deutsche arbeiten mehr als Merz behauptet

Arbeiten die Menschen in der Schweiz tatsächlich 200 Stunden mehr pro Jahr als die Deutschen? Diese Zahl nannte Bundeskanzler Friedrich Merz im ZDF-Sommerinterview. Doch der Vergleich steht auf äußerst wackeligen Beinen.

Woher Merz seine Angabe genau hat, bleibt unklar. Die Zahl von rund 200 zusätzlichen Arbeitsstunden kursierte allerdings bereits im vergangenen Jahr. Damals wurde sie als Beleg dafür angeführt, dass in Deutschland angeblich zu wenig gearbeitet werde. Grundlage waren Zahlen der OECD.

Das Problem: Die OECD selbst warnt davor, ihre Angaben zu den jährlich geleisteten Arbeitsstunden für direkte Ländervergleiche zu verwenden. Die Daten werden in den einzelnen Staaten unterschiedlich erhoben. Auch der Anteil von Teilzeitbeschäftigten wird nicht überall in gleicher Weise berücksichtigt. Ein Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz kann deshalb schnell ein verzerrtes Bild ergeben.

Statt 200 sind es nur etwas mehr als 40 Stunden, die in der Schweiz mehr gearbeitet wird

Nimmt man die durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten des Statistischen Bundesamts für Voll- und Teilzeitbeschäftigte als Grundlage, fällt der Abstand deutlich geringer aus.

In Deutschland liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit demnach bei 34,2 Stunden, in der Schweiz bei 35,1 Stunden. Die Differenz beträgt damit lediglich 0,9 Stunden pro Woche. Auf ein ganzes Jahr hochgerechnet ergibt sich ein Unterschied von etwas mehr als 40 Stunden – und nicht von 200 Stunden.

Selbst diese Rechnung bildet die tatsächliche Lebensarbeitszeit nicht vollständig ab. Unterschiede bei Urlaubstagen, Feiertagen, Teilzeitquoten, Erwerbsunterbrechungen und beim Renteneintritt bleiben unberücksichtigt.

Mehr Arbeitsstunden bedeuten nicht automatisch mehr Produktivität

Problematisch ist außerdem Merz’ indirekter Schluss, längere Arbeitszeiten würden automatisch für eine höhere Wirtschaftsleistung oder Produktivität sorgen.

Ein Blick auf die europäischen Zahlen zeigt das Gegenteil: Zu den Ländern mit den höchsten durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten gehören Serbien, Griechenland und Rumänien. Daraus folgt jedoch nicht, dass diese Staaten auch die produktivsten Volkswirtschaften Europas sind.

Entscheidend ist nicht allein, wie lange Menschen arbeiten, sondern wie viel wirtschaftliche Leistung während dieser Zeit entsteht. Technische Ausstattung, Qualifikation, Infrastruktur, Unternehmensorganisation und der Branchenmix spielen dabei eine wesentlich größere Rolle.

Die von Merz genannte Zahl von 200 Stunden ist daher kein belastbarer Beleg dafür, dass die Menschen in Deutschland zu wenig arbeiten. Sie beruht auf Daten, die nach ausdrücklicher Warnung der OECD nicht für einfache Ländervergleiche geeignet sind.

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