Wir werden immer älter, und es werden zu wenige Kinder geboren. Um unsere Wirtschaft und unsere Sozialsysteme am Laufen zu halten, benötigen wir unter dem Strich rund 400.000 Zuwanderer pro Jahr. Darin sind sich konservative und eher linke Wirtschaftsexperten einig.
Völlig frei von Ideologie und unabhängig von der Frage, ob man Ausländer mag oder eher nicht, bleibt festzustellen: Das Vaterland braucht Migranten.
Der Blick in die Vergangenheit zeigt deutlich, wie Gesellschaften von Zuwanderung profitieren können.
Brandenburg-Preußen betrieb im 17. und 18. Jahrhundert eine regelrechte staatliche Einwanderungspolitik. Dafür gab es sogar einen zeitgenössischen Begriff: „Peuplierung“, also die gezielte Vermehrung der Bevölkerung durch Ansiedlung neuer Einwohner.
Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm begann deshalb ab etwa 1650 systematisch, Menschen von außerhalb ins Land zu holen. Mehr Einwohner bedeuteten mehr Bauern, Handwerker, Unternehmer, Soldaten und Steuerzahler.
Auch das Wirtschaftswunder in Deutschland wäre ohne Gastarbeiter kaum möglich gewesen!
Was heißt es also, wenn Politiker populistischer Parteien heute behaupten, man benötige kaum Zuwanderung? Leider nichts Gutes.
Und dabei geht es gar nicht nur um den Hintern der Oma, die im Pflegeheim dann ohne Pflegekräfte auskommen muss. Es geht um etwas viel Entscheidenderes.
Die Dauerhetze gegen Ausländer trägt dazu bei, dass gerade gut ausgebildete Menschen zweimal überlegen, ob sie nicht lieber ein anderes Land vorziehen.
„Für Deutschland könnte der Rechtsruck zum Standortfaktor werden“, sagt die Wissenschaftlerin Alexandra Köbler vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Deutschland benötigt Fachkräfte in der Pflege, in der IT und im Ingenieurwesen. Dazu kommen Lkw-Fahrer, Hotelpersonal und Verkäufer im Supermarkt. Und zwar schon jetzt – und umso mehr bis zum Jahr 2039. Bis dahin gehen mehr als 13 Millionen Menschen in Rente.
Wer also so tut, als wäre jeder Zuwanderer eine Zumutung und ein potenzieller Messerstecher, ist kein Patriot, sondern ein Patridiot – eine Wortschöpfung aus Patriot und Idiot.
Es geht nicht darum, die Probleme der Migration kleinzureden. Aber wie in Preußen und zur Zeit des Wirtschaftswunders müssen wir Einwanderung zum Wohl der Heimat nutzen.
Dass gerade im Osten viele Menschen Migration besonders kritisch sehen, hat einen bitteren Haken: Ohne Zuwanderung droht dort Wohlstandsverlust.
Denn ausländische Arbeitskräfte sind längst ein wichtiger Teil der ostdeutschen Wirtschaft. Im vergangenen Jahr trugen sie mehr als 68 Milliarden Euro zur Wertschöpfung bei – 10,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung.
Und die Stimmung hat schon heute Folgen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fragte Geschäftsführer von Wirtschaftsverbänden, was der Rechtsruck für den Standort Deutschland bedeutet. Schon im August 2023 berichtete knapp die Hälfte von Problemen, in AfD-Hochburgen Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen.
Das ist besonders pikant, weil oft gefordert wird, Deutschland solle nicht immer nur auf die zwölf Jahre der NS-Diktatur schauen, sondern auch stolz auf die Jahrhunderte davor sein.
Gern doch!
Denn wer in die deutsche Geschichte schaut, entdeckt ausgerechnet dort ein ziemlich erfolgreiches Rezept: Einwanderung.
Vielleicht ist also gerade das ziemlich deutsch: Menschen von draußen kommen lassen – und gemeinsam Wohlstand schaffen.

