Es wäre eine hübsche Pointe der Geschichte: Ausgerechnet der Erfolg einer Partei, die Migration möglichst stark begrenzen will, könnte Deutschland am Ende noch abhängiger von Zuwanderung machen.
Denn Deutschland hat ein demografisches Problem. Die Babyboomer gehen in Rente, weniger Junge rücken nach. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rechnet damit, dass dem Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren rund sieben Millionen Arbeitskräfte verloren gehen. Um das Arbeitskräfteangebot stabil zu halten, wäre langfristig ein Wanderungssaldo von etwa 400.000 Menschen pro Jahr nötig.
Und nun kommt die AfD ins Spiel. In einer repräsentativen Insa-Umfrage Ende August sagten 22 Prozent der Befragten, sie würden Deutschland verlassen, sollte die AfD auf Bundesebene an die Macht kommen. Natürlich ist ein Auswanderungswunsch noch kein gepackter Koffer. Aber selbst wenn nur ein kleiner Teil dieser Menschen tatsächlich ginge, wäre entscheidend, wer geht: Junge, gut ausgebildete und mobile Menschen können Deutschland vergleichsweise leicht verlassen – genau jene also, deren Steuern und Sozialbeiträge künftig besonders gebraucht werden.
Gleichzeitig müsste Deutschland weiterhin Menschen aus dem Ausland anwerben. Schon heute gibt es laut Bundesagentur für Arbeit in 157 Berufsgruppen Fachkräfteengpässe. In Pflege und Gesundheit, Handwerk oder Verkehr sind ausländische Beschäftigte längst ein wichtiger Teil des Arbeitsmarktes.
Eine Politik, die Deutschland für internationale Fachkräfte unattraktiver macht und zugleich einen Teil der eigenen Bevölkerung zum Weggehen bewegt, hätte deshalb einen paradoxen Effekt: Es fehlten noch mehr Beitragszahler, Pflegekräfte, Ärzte, Handwerker und Ingenieurinnen. Der Bedarf an Zuwanderung würde nicht kleiner, sondern größer.
Die AfD könnte also an einem Problem mitarbeiten, das sie anschließend mit noch härterer Migrationspolitik bekämpfen will. Politisch wäre das fast schon komisch – wenn es für Rentenkassen, Krankenhäuser und Unternehmen nicht ziemlich ernst wäre.

