Deutschland redet viel über Meinungsfreiheit. Doch wenn es um andere Ansichten geht, hört die Toleranz oft schnell auf. Genau das zeigt jetzt eine Umfrage des konservativen Allensbach-Instituts: Ausgerechnet Wähler der Grünen und der AfD haben die größten Probleme mit abweichenden Meinungen.
Besonders auffällig: 28 Prozent der Grünen-Anhänger sagen, andere Meinungen regten sie auf. Bei AfD-Wählern sind es 24 Prozent. Damit liegen beide Gruppen klar an der Spitze. Der Befund ist unerquicklich: Ausgerechnet an den politischen Polen der Debatte sitzt die Intoleranz besonders tief.
Auch sonst wirkt das Land gereizt. Zwar halten sich viele Bürger selbst für gute Zuhörer. Doch der Blick in den Alltag zeigt ein anderes Bild. Mehr als die Hälfte sagt, es gebe im Freundes- oder Familienkreis Menschen, mit denen politische Gespräche praktisch sinnlos seien. Von echter Offenheit kann also keine Rede sein.
Toleranz für die eigene Meinung wird groß geschrieben
Brisant ist auch: Höher gebildete Befragte zeigen sich laut Umfrage sogar intoleranter gegenüber anderen Ansichten als Menschen mit einfacher oder mittlerer Bildung.
Die bittere Wahrheit: Die Spaltung verläuft nicht nur zwischen Parteien, sondern längst durch den Alltag. Am lautesten pochen viele auf Toleranz, wenn es um die eigene Meinung geht. Bei fremden Ansichten endet die Liberalität dann oft erstaunlich schnell.
Was jetzt helfen würde? Weniger Empörung, raus aus den Blasen, mehr Begegnung. Wer nur noch mit Gleichgesinnten redet, verlernt den Widerspruch. Politik, Medien, Schulen und Vereine müssten wieder Räume schaffen, in denen Menschen mit gegensätzlichen Ansichten fair und direkt miteinander sprechen können – ohne moralische Abwertung, ohne sofortige Empörung. Zuhören heißt ja nicht zustimmen. Demokratie lebt nicht davon, dass alle dieselbe Meinung haben. Sie lebt davon, dass man Gegensätze aushält. Wer das nicht mehr kann, hat nicht nur ein Problem mit dem politischen Gegner – sondern mit der Demokratie selbst.


