Grüezi bleibt: Schweizer stimmen gegen Zuwanderungsbegrenzung

Grüezi alle miteiand – oder auch nicht: Über den Simplonpass geht´s in die Schweiz (Foto: MistikaS)

55 Prozent der Schweizer stimmten gegen die Bevölkerungsobergrenze, eine Niederlage für die Schweizer Volkspartei (SVP). Gerade Vertreter der Wirtschaft konnten viele Menschen überzeugen, mit Nein zu stimmen. Warum das so wichtig ist, erfahren Sie hier:

Wie viele Menschen leben in der Schweiz – und wie viele davon sind Ausländer?

Die Schweiz hat 9,1 Millionen Einwohner. Seit dem Jahr 2000 sind 1,7 Millionen Ausländer eingewandert. Die Ausländerquote zählt mit 27 Prozent zu den höchsten in Europa.

Warum leben so viele Ausländer in der Schweiz?

Die Einwanderer kamen in drei Wellen: Als die Schweiz in den Fünfzigerjahren wirtschaftlich stärker wurde, kamen Arbeiter aus Italien. In den Neunzigerjahren folgten besser gebildete Arbeitskräfte aus dem zerfallenden Jugoslawien und später sehr gut qualifizierte Fachleute aus den europäischen Nachbarstaaten – etwa Mediziner aus Deutschland.

Und hat die Einwanderung die Schweiz viel Geld gekostet?

Eher im Gegenteil. Ohne die Zuwanderung stünde die Schweiz wirtschaftlich bei Weitem nicht so gut da. In den 90er-Jahren war die Schweiz noch eines der Schlusslichter in Europa. Asylsuchende machen nur zehn Prozent der Zuwanderung aus; der größte Teil sind Menschen im erwerbsfähigen Alter, die noch viele Jahre arbeiten, Steuern zahlen und Sozialbeiträge leisten.

Wo ist dann das Problem?

Es ist wie in Deutschland: Wenige Reiche werden immer reicher, viele ärmere Menschen bangen um ihren Teil am Kuchen und leiden unter hohen Mieten und der Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt. Das nutzen manche Parteien wie die SVP, die die Initiative erdacht hat. Aber auch unter den Grünen gibt es Sympathien für eine Zuwanderungsbremse – sie wollen die Natur vor zu vielen Menschen schützen.

Und wird die Situation durch die Zuwanderungsbremse besser werden?

Eher nicht. Sollte die Initiative erfolgreich sein, wird man die Probleme aber erst später merken: fehlende Fachkräfte, weniger Geld für die Sozialversicherungen, höhere Beiträge und weniger Steuern. Außerdem könnten internationale Unternehmen die Schweiz in Zukunft meiden. Google hätte seinen großen Entwicklungsstandort sicher nicht nach Zürich verlegt, wenn man dafür nicht Fachkräfte aus der EU hätte holen können.

Und kommt die Initiative dennoch bei vielen Schweizern gut an?

„Die Schweizer sind sich der Voraussetzungen ihres Reichtums nicht bewusst. Sie denken, sie sind wohlhabend, weil sie schlau und fleißig sind. Und das mag auch sein. Aber anzunehmen, sie seien viel schlauer als die anderen, ist anthropologisch nicht sehr wahrscheinlich. Den Schweizern ist nicht klar, dass die EU sehr viele Leistungen erbringt, damit sie an einem der größten Märkte der Welt teilhaben können“, sagt der Schweizer Historiker Thomas Maissen, Professor an der Universität Heidelberg.

Seine Landsleute würden völlig ignorieren, dass die Friedensordnung in Europa mit sehr viel politischem Einsatz, aber auch durch sehr viele Subventionen von Deutschland und anderen Staaten ermöglicht wurde. Auch die Integration von Ostmitteleuropa nach dem Ende des Kalten Kriegs werde zu gering geschätzt. „Die Schweiz verdient viel Geld in einem weltwirtschaftlichen und weltpolitischen System, zu dessen Grundlagen sie sehr wenig beiträgt und auch sehr wenig beitragen will“, so Maissen.

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