Hab Mut, steh auf! Das war das Motto des Katholikentags. Eine Aufforderung zur Aktion. Das hat nicht allen gefallen. Wo kommen wir hin, hieß es, wenn sich nun auch noch die Kirchen für Recht und Gerechtigkeit einsetzen! Es sei nicht Aufgabe der Kirche, wurden der Papst und alle Katholiken belehrt, gegen Krieg und Terror die Stimme zu erheben. Es heiße schließlich „Nächstenliebe“ und nicht „Menschenliebe“. Wo wird es enden, wenn sich der Vatikan auch noch für Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und Vielfalt einsetzt, so tönten Trump, AfD und ihre medialen Lautsprecher. Das sei Politik und somit nicht Aufgabe der Kirche. Die habe sich aus der Politik herauszuhalten und solle lieber Weihrauchfässer schwenken, Hostien verteilen und die Beichte abnehmen.
Das zeugt einmal mehr von der Abwesenheit jeden Geschichtsbewusstseins, denn der Vatikan ist ein Staat, der Papst krönte über Jahrhunderte die Kaiser und noch in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit gaben Geistliche Wahlempfehlungen von der Kanzel herab. Das muss man nicht richtig finden, aber das sind nun mal die historischen Tatsachen.
Die Forderung, fortan „unpolitisch“ sein zu sollen, beruht also vor allem darauf, dass die Kirchen eine andere Sicht auf die Welt haben als die AfD, und völkisch verengte Positionen, Nationalismus und Rassismus heute ablehnen.
Doch ist es überhaupt politisch, humanitäre Ideale zu haben? „Sich für Menschenrechte einzusetzen, ist für Christinnen und Christen eben kein politisches Hobby, sondern Kern des Glaubens“, hieß es beim Schlussgottesdienst des Katholikentags. Und wir sollten unseren humanitären Überzeugungen ruhig auch noch Taten folgen lassen, forderte der Präsident des Zentralrats der Juden Josef Schuster. Nicht nur glauben also, sondern auch noch handeln!
Sind religiöse Überzeugungen also politisch? Die Antwort dürfte unterschiedlich ausfallen, je nachdem, ob man die Einhaltung von Menschenrechten als politische Forderung versteht. Und selbst wenn solche Forderungen politisch wären, wäre das so schlimm?
Sollten sich Christliches und Politik aber nicht vertragen, wie von rechten Ideologen behauptet wird, wie kann es dann sein, dass laut Alice Weidel die AfD „die einzige christliche Partei ist, die es noch gibt“? Zukünftig, soviel wird klar, will die AfD qua Politik entscheiden, was als christlich zu gelten hat.
Boris B. aus Frankfurt/Main, Hessen
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