Ich lebe in einer Wohnung, die der Stadt Berlin gehört. Nicht besonders gut in Schuss, Erdgeschoss, vorn eine vielbefahrende Straße. Ich zahle 10 Euro kalt pro Quadratmeter. Neulich sprach ich mit einem Freund darüber, dass ich das recht teuer finde. Er selbst wohnt in einer Wohnung der Vonovia und zahlt acht Euro kalt. Ach nee, gerade hat er eine Mieterhöhung bekommen: plus 35 Cent. Ich beneide ihn.
Das Beispiel zeigt ganz gut, wie kompliziert es auf dem Berliner Wohnungsmarkt ist. Momentan aber sieht man im Wahlkampf überall nur einfache Sprüche. Am simpelsten sind die Parolen der Linken: Sie möchte Immobilienkonzerne enteignen. Wer mit ihr koalieren will, muss der Enteignung von Deutsche Wohnen oder Vonovia sogar zustimmen.
Klingt nach sozialer Gerechtigkeit, aber ist das so? Meine Miete und die meines Freundes erzählen eine etwas andere Geschichte.
Es geht um rund 220.000 Wohnungen, die die Linke in öffentliches Eigentum überführen will. Dafür müsste die verschuldete Stadt rund 30 Milliarden Euro aufbringen. Sie könnte dafür Kredite aufnehmen, die sie mit den Mieteinnahmen zurückzahlt. Dann braucht sie aber noch dringend Geld für die Instandhaltung Hunderttausender Wohnungen: kaputte Rohre, defekte Aufzüge, bröckelnde Fassaden, alte Dächer, undichte Fenster – von der klimafreundlichen Sanierung, die richtig teuer ist, ganz zu schweigen. Wegen all dieser Kosten haben die Berliner Wohnungsbaugesellschaften einst ihre Wohnungen verkauft.
Nach billigeren Mieten klingt das alles nicht, eher nach nach einem Zuschlag nach der Enteignung. Das wird ein böses Erwachen, wenn die Mieter plötzlich an die Stadt mehr abdrücken müssen als vorher an die Vonovia oder die Deutsche Wohnen. So, wie es bei mir schon der Fall ist.
Und wenn alles Geld für die Enteignung ausgegeben ist, stellt sich die Frage, woher die Kohle für die 100 000 Wohnungen herkommt, die benötigt werden, um den Mietmarkt zu entspannen. Aber das alles ist natürlich zu kompliziert für ein Wahlplakat.
Karl W., 46, aus Berlin
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